O : Du, Meme, mir geht’s gar nicht gut.

M : Was ist denn los?

O : Ich weiß auch nicht. Ich fühl mich nicht.

M : Hast Du Schmerzen?

O : Nein, ich fühl mich nur so schwach. Ich komm kaum hoch.

M : Ich komm morgen vorbei. Soll ich was mitbringen?

O : Wenn Du kommst, dann können wir ja … schauen, ob mir was fehlt …

M : Morgen ist Sonntag. Da kann ich nicht einkaufen gehen. Aber gibt’s was konkretes, was Du brauchst, etwas, das ich aus meinem Haushalt mitbringen könnte? Oder brauchst Du einfach jemanden, der Dich mal besucht?

O : Ja, der mit mir ein paar Worte spricht.

M : Das mach ich. Ich komm morgen.

O : Ich weiß nicht, ob ich krank werde. Liegt was in der Luft? Eine Krankheit?

M : Ja. Eine Lungenkrankheit. Aber ich glaube, das würdest Du merken. Mit Husten und Fieber.

O : Nee, das hab ich nicht. Ich fühle mich nur absolut nicht wohl. Hochkommen tu ich nur sehr, sehr schwer. Und Laufen nur mit Rollator.

M : Ja, ich weiß.

O : Alles Scheiße, liebe Eltern, schickt Geld, oder ich muss Arbeiten gehen …

M : Morgen bin ich bei Dir. Mittags rum.

O : Ich hab auch viel geschlafen. Auch nachmittags schon, im Sessel. Mir tut aber nichts weh, dass ich sagen könnte, ich hab Husten oder sowas.

M : OK. Ich komm einfach morgen Mittag und dann fahr ich von Dir noch in den Garten, ein bisschen sprengen.

O : Sprengen! Haha, das ist schön!

M : Ja, das muss sein. Ich war ja heute nicht.

O : Hast Du Dich nicht wohl gefühlt?

M : Nee, hab ich mich nicht.

O : Was hast Du denn? Was tut Dir denn weh?

M : Mmh … die Seele, würde ich sagen.

O : Die Seele! Hast Du keinen Freund, der Dich tröstet?

M : Doch. Aber ich bin einfach deprimiert.

O : Da musst Du zum Spezialdoktor gehen. Haste einen?

M : Nein, Oma. Ich geh jetzt auch nicht zum Arzt.

O : Du meinst, das geht von allein weg?

M : Das kommt immer wieder, in Phasen. Ist schon immer so.

O : Was? In Deinen jungen Jahren?

M : Das hat mit dem Alter nichts zu tun. Ist seit ich dreizehn bin. Oder seit ich neun bin eigentlich.

O : Was, so lange geht das schon?

M : Ja.

O : Und noch nie in Behandlung gewesen?

M : Doch. Aber es gehört zu mir.

O : Sag mal, ist das erbbar?

M : Vielleicht. Von Opa. Weiß ich nicht.

O : Der Opa hatte sowas nicht.

M : Bin ich mir nicht sicher. Aber ja, vielleicht nicht.

O : Ach Gott, Memchen, das tut mir so leid. Da bin ich gleich …

M : Ach, brauchst Du nicht. Ich funktioniere ja trotzdem. Ist alles gut. Das geht auch wieder weg.

O : Aber wenns immer wieder kommt?

M : Ist nicht schlimm, Oma. Man kann damit leben.

O : Dann schmeiß es doch in den Gulli.

M : (lacht) Ja, mach ich auch ab und zu.

O : Aber hast Du Appetit? Isst Du was?

M : Ja, C hat vorhin was für mich gekocht. Kohlrabi und Kartoffeln.

O : Der wohnt doch um die Ecke, ne. Dann ist ja wenigstens einer in der Nähe.

M : Ja. Und bei D war ich auch vorhin.

O : Ja, und?

M : Dem geht’s auch schlecht.

O : Kenn ich den?

M : Ja, das war mein Freund, als Mama gestorben ist.

O : Ich weiß, ich kenn die alle nicht mehr. Weil ja dann der Kontakt auch viel zu kurz war. Und Du hast aber keine Krankheit, ja?

M : Nee, Oma.

O : Dir ist die Seele krank.

M : Die ist auch nicht krank. Die hängt nur ein bisschen durch.

O : Hängt durch. Ach Gott, Memchen. Und wer tröstet Dich?

M : Was soll ich dazu sagen?

O : Das wird schon wieder werden.

M : Na, aber genau. Ich komm schon klar, Oma. Mach Dir bloß keine Sorgen.

O : Nein, das tut mir nur so leid. Da bin ich auch gleich mit traurig.

M : Das kann ich verstehen.

O : Und was hast Du heute schönes gemacht? Hattest Du ein schönes Erlebnis?

M : Ja, ich hab zwei Freunde besucht. Ich brauchte ein bisschen Sozialkontakt.

O : Und, war nett?

M : (weint) Ja …

O : Sag mal, ist das vielleicht das Wetter, das die Menschen so niederschlägt?

M : Das weiß ich nicht. Die Bäume blühen sehr schön.

O : Meme. Weine nicht. Wenn die Bäume blühen, dann kann Dir doch das Herz nur offen sein.

M : Ja …

O : Also, Du hast keine Schmerzen, sondern Dir ist die Seele krank, ja?

M : Die ist nicht krank. Die ist eben so, wie sie ist.

O : Ach nee, Du bist viel zu jung, um schon Seelenschmerzen zu haben. Naja … Nun ist ja auch die ganze Umgebung traurig. Das ist ja alles nur niederschmetternd, könnte man sagen.

M : Weißt Du was gut ist, Omchen? Der Garten ist gut.

O : Ja? Das erfreut Dich, wenn Du da was machen kannst?

M : Es lenkt mich zumindest ab.

O : Und weißt Du, wenn Du dann Erfolg hast, wenn irgendwo ein Blättchen rauskommt, dann ist einem immer so freudig. Mir ging das immer so.

M : Das erste ist auch schon gekommen. Und zwar die Radieschen.

O : Die hast Du schon geerntet?

M : Nee, nur die ersten Blättchen kommen, aus dem Saatgut.

O : Das ist doch auch was schönes.

M : Ja, und ich hab sie von Anfang an auch schon mit Abstand gesät. Nicht so eng. Alle fünf Zentimeter.

O : Da haben sie ja richtig Platz! Da werden sie schöne dicke Backen kriegen. Hast Du ihnen auch Wasser gegeben?

M : Heute nicht. Aber ich bin eigentlich jeden Tag da und gieße. Morgen wieder.

O : Ach Gott. Und sonst hast Du nichts, ja?

M : Nee, Oma.

O : Nur die Seele, ja?

M : Was heißt nur die Seele. Wo soll ich anfangen? Ich mache mir Sorgen um das Wetter. Es regnet nicht. Die Gemüsepreise steigen.

O : Naja, das Wasser wird ja auch immer teurer. Da müssen wir mehr Gemüse im Garten anpflanzen.

M : Bin dabei. Bin wirklich dabei. Aber heute brauchte ich mal einen Tag soziale Kontakte.

O : Meme, ich treib Dich doch nicht an. Oder hast Du das Gefühl?

M : Nein …

O : Und dann mach auch Mohrrüben.

M : Hab ich schon. Mach ich aber noch mehr.

O : Ja, das ist eine schöne Sache. Mohrrüben kann man auch roh essen.

M : Und kochen kann man sie auch.

O : Ja, natürlich. Mohrrübengemüse, schön mit Butter und Petersilie. Sag mal, hast Du Petersilie gesät?

M : Nein. Ich hab kein Saatgut. Nur wegen Saatgut geh ich jetzt nicht einkaufen.

O : Iwo. Mach doch sowas nicht. Gibt ja welches zu kaufen. Hast Du Besuch gehabt?

M : Nee.

O : Ich auch nicht.

M : Ich komm Dich morgen besuchen, ja?

O : Du kommst mich morgen besuchen? Das ist schön. Du bist nicht krank, ja?

M : Weiß man nie genau. Aber ich trage einen Mundschutz.

O : Was hast Du denn?

M : Nichts. Aber man kann nicht genau wissen, ob man vielleicht ansteckend ist.

O : Muss ich auch Mundschutz tragen?

M : Schaden kann es nicht. Aber wichtiger ist, dass ich einen trage, wenn ich Dich besuche. Ich hab ja mit mehr Menschen zu tun als Du.

O : Ach Gott weeßte.

M : Omchen. Muss man alles nehmen, wie es ist.

O : Ja. Und?

M : Nichts und. Punkt.

O : Und es ist schön, dass man ein Enkelkind hat, das anruft. Das ist auch schön.

M : Und morgen kommt’s auch vorbei, das Enkelkind.

O : Ist wahr? Um wieviel Uhr ungefähr?

M : Mittags. Aber ich kann nichts einkaufen. Es ist Sonntag morgen. Ich komm einfach so mal vorbei.

O : Ich freu mich jetzt schon.

M : Also Oma, dann bis morgen. Schlaf schön, ja?

O : Ja, Du auch. Gute Nacht.

M : Gute Nacht, Omchen.